Du könntest dich Clyde nennen

Jene, die sich damit auskennen, die sich auch schon auf diese Weise bewegt haben oder die sich regelmässig auf diese Weise durch die Nacht bewegen, die können nachvollziehen, dass Gewalt vielleicht keine Lösung ist, durchaus aber Genugtuung verschaffen kann, manchmal sogar Momente des Glücks.

 

Du warst fünfzehn, deinen ersten schlimmen Kater hattest du zwar schon durchlitten gehabt, damals im Süden mit einigen unsicheren Gestalten, die dir aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters, sie sind siebzehn gewesen, durchaus selbstbewusst vorgekommen waren, doch warst du den Alkohol nicht gewöhnt und du hattest an diesem Abend schon zwei mal kotzen müssen, es war Silvester. Du gingst mit deinen beiden besten Freunden durch die Strassen, überwandst dich, immer wieder einen Schluck warmen Billigbiers die Kehle runter zu würgen, als ein Trupp Testosterongeladener euch entgegenkam und erklärte, ihr befändet euch auf ihrer Strassenseite, diese Seite gehöre den Ausländern, die gegenüber sei für euch Käser und sie fingen an, auf euch einzudreschen. Sie rannten weg, ihr blutetet, du konntest nur einen Schlag austeilen und deine besten Freunde waren nicht mehr deine besten Freunde, weil sie flennten wie Mädchen.

 

Du warst klein, mager, sehnig, verbissen, hattest grüne Auge, dunkle Locken, die du kurz geschoren trugst, also keine Locken waren und eine eindringliche Fresse, die dir den Weg zu deinem heutigen Sein ebnen sollte. Im Gymnasium schriebst du mittelmässige Noten, in Mathe warst du Klassenbester, was du so gut es ging den Kameraden, die alle weichschwänzige Muttersöhnchen und prüde Evangelistentöchterchen waren, verheimlichtest. Du fühltest dich tatsächlich als Klassenbesten, wolltest mit dieser Klasse oder dieser Kaste oder diesem Verein aber nichts gemein haben, du warst besser, die hatten keine Ahnung vom Leben, waren nicht street, deine eigene Herkunft als Sohn eines Ärztepaares mit Seeufer, das nur noch aus Gewohnheit kaum zusammen weiter durchs Leben ging, dein Vater liess sich wohl gelegentlich von einer Assistentin den Schwanz lutschen und deine Mutter war wohl gänzlich ausgetrocknet, dafür kunstinteressiert, versuchtest du dir selbst auszureden.

Die Nächte verbrachtest du gerne und oft auf der Strasse, zwei mal pro Woche gingst du ins Krav Maga, in dieser Kampfform konzentriert man sich vor allem auf die Eier des Gegners, sie stammt aus Israel und da in Israel sowohl Frauen wie Männer zu Kämpfern ausgebildet wurden, wundertest du dich darüber, woher diese Eierfixiertheit kommen mochte, niemand würde sich so gut vorstellen können, dass auch mal eine Frau vermöbelt werden musste wie die Israelis, fandst du, es beschäftigte dich nicht mehr als gelegentlichen einen Gedanken lang.

 

Du kamst durchs Gymnasium ohne wiederholen zu müssen, arbeitetest auf Baustellen und deine Eltern liessen sich scheiden und fingen plötzlich an, um deine Liebe zu buhlen, was grossenteils an dir vorbei ging, ein seltenes gemeinsames Abendessen gewährtest du, du hattest dir eine Wohnung genommen und dir über das E-Banking deines Vaters dank einer kurzen Recherche einen beträchtlichen Zustupf überwiesen, mit dem Konto deiner Mutter wäre das nicht möglich gewesen, sie überwachte ihre Finanzen genau, dein Vater war da leichtsinnig und hatte ohnehin den Überblick verloren, was er alles an Geld für Nutten springen liess, er war auf Grund seines Geschlechts Chefarzt geworden und verdiente viel.

 

Klar waren deine Nächte auf der Strasse nicht Ereignislos geblieben, du hattest anfangs kassiert, je länger je mehr ausgeteilt, die Leute am Gymnasium hatten begonnen, dich zu meiden, selbst die Lehrer schienen dich zu fürchten, nur einige Mädchen waren von den Blutergüssen, Schwellungen und Schnitten erregt geworden, manchmal vögeltest du sie auf der Toilette, am liebsten vögeltest du ihre Münder, wenn sie mit dir ausgehen wollten, liesst du sie abblitzen.

 

Du kannst dich an eine Schlägerei sehr genau erinnern, damals warst du siebzehn, verstandst dich selbst noch als Rächer der Gerechten, eine Dreiergruppe Gespringstiefelter hatte sich eine hübsche Tamilin und ihren jüngeren Bruder, der sich erst an das quietschen der sich wandelnden Stimme zu gewöhnen schien und sich schützend vor seine Schwester gestellt hatte, vorgenommen, die Faschos schlugen die beiden noch mit der flachen Hand, schupsten sie herum, dem Mädchen hatten sie das T-Shirt ein wenig zerrissen, die Brustwarze ihres linken Busen blitze durch die Stofffetzen, als du dich hinter die drei stelltest und meintest, sie sollten nach Hause gehen und in reinrassiger Manier ihre Mütter durchhämmern, worauf du den grössten von ihnen packtest, wie es dir im Training beigebracht worden war, um sein Gesicht zu Brei zu schlagen, seine Zähne gruben sich in das Fleisch deiner Hand, die du immer wieder zwischen seine Kiefer knalltest, er verschluckte wohl einige der Beisser, dann klatschtest du sein Gesicht, sein Hals war Gummi, einige Male auf den Asphalt, seine Nase sollte mehrmals brechen, das Blut war wichtig für die Wirkung, legtest ihn auf den Rücken, tratst ihm zwei, drei mal in die Rippen und schautest seinen beiden Kumpanen beim weglaufen zu. Das Mädchen und ihr Bruder waren zurückgewichen, schauten dich aus verschreckten Tieraugen an, zitterten, der Schritt des Jungen war durchnässt, als sie in Richtung Bahnhof rannten, ohne Dank geäussert zu haben. Du hattest ein befreit erfreutes Jauchzen des Mädchens, das zumindest in einem innigen Kuss, im Idealfall in wildem Sex an Ort und Stelle mündete, erwartet, so wie man es aus Filmen kennt. Damals beschlosst du, in erster Linie zu dir zu schauen, scheiss auf die anderen, jeder ist seines Glücks eigener Schmied.

 

Nach zwei Jahren auf den Baustellen und einem kurzen Südamerika-Aufenthalt, in den Favelas um Rio de Janeiro hattest du gelernt, dass es sich manchmal lohnte, den Kopf zu senken, sich unterzuordnen, kamst du zurück nach Zürich und begannst an der ETH dein Mathematik-Studium. Mit den Studenten wolltest du noch weniger zu tun haben. Sie sahen ähnlich alt aus wie die Gymnasiasten, trugen von Müttern gekaufte Kleider, hatten zu grosse Schulranzen mit Tierchenschlüsselanhängern dran, rannten auf jeden Bus, forderten dabei die Trägheit des Körpers heraus, da die Rucksäcke hinter ihnen herschlingerten und beim Stoppen an die Rücken prallten, was zu deiner Belustigung manchen zu Fall brachte, die Mädchen waren für immer Keusche oder hatten ihre Eltern bereits durch den Verkehr mit bösen Jungs in die Verzweiflung getrieben und konnten sich beim Studiumsantritt beruhigt auf ihre wilden Jahre zurückblickend auf eine Uni-Karriere konzentrieren.

 

In den Vorlesungen warst du selten, das Material konntest du vom Internet holen, für manche Präsentationen war ein Stream eingerichtet worden, du schriebst gute Noten, beim Ausgehen suchtest du dir meist Aufgekokste, die erschienen dir als würdige Gegner, sie empfanden weniger Schmerz und hielten nicht zurück, nur einmal verprügeltest du eine Frau, eine Cracknutte, die dich mit gezücktem Messer ausnehmen wollte, du hattest kein schlechtes Gewissen, deine Freiheit, ihre Freiheit, die Gleichheit des Stärkeren, Brüderlichkeit, Schwesterlichkeit, Geschwisterlichkeit, scheissegal, jeder ist seines Glücks eigener Schmied, sie hat sich Pech geschmiedet.

 

Das Prügeln war längst zu einer Sucht geworden, ficken und wichsen war die Entleerung überflüssigen Ballastes geworden, die von Spermien tummelnden, geschwollenen Eier reagieren empfindlicher auf Schläge. Du warst nicht mehr der Rächer der Gerechten, du pöbeltest so lange, bis du die Auserwählten zu schäumenden Mündern getrieben hattest, sie mussten adrenalingeladen sein, sonst machte es keinen Spass, keiner, der allein auf die Hatz geht, will Schwächlinge, man will Gegner, keine Opfer.

 

Dir wurde von einem Professor mit Alkoholproblemen eine Assistenzstelle angeboten, du erledigtest den Grossteil seiner Arbeit, während du den Master machtest, das Arbeiten ist dir nie schwer gefallen, du brauchtest nicht viel Schlaf, die Zeit fehlte dir fürs sorgfältige Abreagieren, oft war von da an schon ein freches Wort Grund genug, einem Halbstarken die Nase zu brechen, das frustrierte dich.

 

Dann kam Emma, ein bildhübsches, siebzehnjähriges Mädchen, sie wandte sich an dich, als du am Tresen standst und nach geweiteten Pupillen Ausschau hieltst, sie sagte, „Rette mich.“, ging zu einem stämmigen Burschen, einem Bikertypen, tippte ihm auf die Schulter, als der sich umdrehte, rammte sie ihren Ellenbogen zwischen seine Beine, er ging in die Knie, richtete sich auf, während sie dir gen hinten ein Lächeln schenkte, hob seinen schweren, in Leder gehüllten Arm und schlug ihr mit der linken Rückhand ins Gesicht, sie ging mit einem Schrei zu Boden. Bevor jemand sonst eingreifen konnte, warst du bei ihm, nahmst seine Bierflasche und schlugst ihm damit mehrmals heftig auf den Schädel, mit der linken brachst du ihm zwei Finger, es spritzte Blut auf dein weisses T-Shirt, als du von anderen Gästen von ihm weggezogen wurdest, der Biker und seine Freunde wurden unter Beschimpfungen zum Verlassen des Lokals gezwungen. Emma jauchzte vor Freude, küsste dich und zog dich auf die Toilette, wo sie dich erfrischend hart vögelte, kurz darauf zog sie bei dir ein.

 

Es war euer Spiel, ihr begabt euch in Bars, Emma bearbeitete mit Ellenbogen oder Knie die Nüsse des düstersten Typen, sobald er sich wehrte, verprügeltest du ihn und ihr ficktet auf der Toilette. Es war dir klar, dass jeder, der eine Frau schlug, die keine bewaffnete Cracknutte war, einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt verdient hatte, es dauerte nicht lange bis Emma mehr wollte, das Spiel wurde erweitert. Sie begab sich leicht bekleidet in die dunklen Ecken, wo sich der Abschaum tummelte, du wartetest im Schatten darauf, dass sich einer oder mehrere an sie ranmachten, sobald einer ihren Arsch oder ihre Möbse begrabschte, schlugst du zu, zerstörtest diese Abgrundschweine, worauf ihr in der Gasse Herospritzen ausweichend bumstet.

 

Dir war in jener Nacht nicht aufgefallen, dass der eine ein Messer hatte. Gerade als du Emma das Top über den Kopf zogst, hatte er sich hinter dir halb aufgerichtet, seine Kumpels bewegten sich nicht mehr, und rammte das Metall in deinen Rücken. Du gingst zu Boden, der beissende Schmerz breitete sich in deinem Körper aus, deine Hände und Füsse waren taub und du sahst in einem verschwommenen Ausschnitt, wie deine Liebste dem Typen ins Gesicht trat, darauf mehrmals mit dessen Messer auf ihn einstach und das Handy zückte, alles wurde schwarz, nur in deinen Ohren fühltest du deinen Herzschlage für wenige Sekunden.

 

Niemand wollte, dass ihr dran kamt. Die zwei Verletzten und der Tote waren überall in den Akten, sie waren vorbestraft und insgeheim freuten sich die Polizisten wohl darüber, dass ihr einen von ihnen permanent von der Strasse befördert hattet. Deine Eltern hatten zu Protokoll gegeben, dass du immer ein sehr beflissener und unauffälliger Junge gewesen seihst, auch der Alkoholikerprofessor lobte dich in seinen Ausführungen über dein Berufsleben. Emma und dir wurde der Besuch eines Psychiaters verordnet, der abklären sollte, ob ihr an der Begebenheit seelischen Schaden genommen hattet. Vor kurzem wurde dir die Einsicht in das Gutachten gewährt; du seihst ein erstaunlich ausgeglichener Mensch, eine geradezu friedliebende Persönlichkeit, die durch die Aussenseiterrolle während der Jugend eine stark ausgeprägte Loyalität gegenüber den ihr nahestehenden Personen entwickelt habe. Du stellest keine Gefahr dar und habest Dank der dicken Haut, die du dir während der Jahre des Erwachsenwerdens zugelegt habest, auch diese Auseinandersetzung schadenfrei überstanden.

 

Emma und du, ihr seid ein zufriedenes Paar, auch ist euch die Freude am Spiel nicht verloren gegangen.

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